Avo Talks

Wo Popkultur Tiefgang bekommt und Verspätung zum Stilmittel wird.

Avo Talks

Avo Talks

Wo Popkultur Tiefgang bekommt und Verspätung zum Stilmittel wird.

Avo Talks
Filme

Die Kunst des Bluffens: Wie The Bluff an seinem eigenen Titel scheitert

The Bluff wurde im Vorfeld als eine Art erwachsene Alternative zu Fluch der Karibik angepriesen – und genau das ist er nicht. Abgesehen von Piraten und Gold gibt es praktisch keine Berührungspunkte. Wer Abenteuerromantik, Seemannsgarn oder Disney‑Magie erwartet, wird hier eher unsanft über die Planke geschickt. Stattdessen bekommt man einen Film, der sich nicht entscheiden kann, ob er ein düsteres Familiendrama, ein blutiges Racheabenteuer oder ein nostalgischer Inselthriller sein möchte. Am Ende ist er alles – und nichts davon so richtig.

Im Zentrum steht Ercell „Bloody Mary“ Bodden, eine ehemalige Piratin, die sich auf den Cayman Islands ein ruhiges Leben aufgebaut hat. Gemeinsam mit ihrem Mann T.H., ihrem Sohn Isaac und ihrer Schwägerin Elizabeth genießt sie die Idylle, bis ihr früherer Kapitän Connor auftaucht und ihre Familie bedroht. Ercell muss widerwillig zu den Fähigkeiten zurückkehren, die sie eigentlich hinter sich lassen wollte – und genau hier beginnt der Film, sich in seinen eigenen Ambitionen zu verheddern. Man spürt förmlich, wie das Drehbuch ruft: „Wir wollten eigentlich etwas Tiefgründiges sagen, aber dann kam jemand mit einer Machete vorbei und jetzt machen wir halt Action.“

Der Titel The Bluff ist dabei fast das Raffinierteste am ganzen Projekt. Er bezieht sich einerseits auf den realen Kalksteinfelsen auf Cayman Brac, der tatsächlich „The Bluff“ heißt und im Film als natürliche Festung dient. Dort versteckt Ercell ihre Familie, dort eskalieren die Kämpfe, dort soll der Film seine dramatische Wucht entfalten. Gleichzeitig ist der Titel ein Wortspiel: Bluff im Sinne von Täuschung. Ercell lebt unter einer falschen Identität, verbirgt ihre Vergangenheit, täuscht ihre Umgebung – und auch Connor arbeitet mit Lügen und Manipulation. Auf dem Papier funktioniert diese Doppelbödigkeit hervorragend. Im Film selbst bleibt sie jedoch erstaunlich ungenutzt. Der Bluff ist am Ende eher ein hübscher Marketingkniff als ein erzählerisches Konzept. Man könnte sagen: Der Film blufft – und verliert.

Stilistisch setzt The Bluff stark auf Härte und Blut, aber kaum auf Atmosphäre. Die Story wirkt wie ein wilder Mix aus „Mutter ist heimliche Superheldin“, The Goonies und klassischem Piraten‑Racheplot. Das kann funktionieren, wirkt hier aber eher wie ein Flickenteppich, der dringend eine dramaturgische Nähmaschine gebraucht hätte. Immerhin: Das Setting ist wunderschön. Kulissen und Kostüme sind fantastisch, die Insel wirkt lebendig, das Piratenlager atmosphärisch. Nur einzelne Requisiten – etwa eine Pistole, die aussieht, als wäre sie direkt aus Metro 2033 importiert – reißen einen komplett aus der Zeit. Historische Authentizität scheint hier eher ein Vorschlag gewesen zu sein.

Schauspielerisch ist das Ganze solide, aber ohne Funkenflug. Karl Urban ist Karl Urban: zuverlässig, charismatisch, präsent – ein Mann, der selbst dann noch Charisma ausstrahlt, wenn er nur eine Augenbraue hebt. Priyanka Chopra Jonas liefert ebenfalls ab. Das Problem ist die Chemie – oder besser gesagt: das Fehlen derselben. Zwischen den Figuren entsteht kaum eine glaubhafte Verbindung. Captain Connor ist ein solider Antagonist, aber emotional blass. Zwischen Ercell und T.H. Bodden passiert… nichts. Und selbst zwischen Kind und Nichte fehlt das Gefühl, dass sie wirklich zusammengehören. Es wirkt, als hätte jede Figur ihren eigenen Film gedreht, und am Ende wurden alle Szenen einfach nebeneinandergelegt, in der Hoffnung, dass das Publikum die Lücken mit Fantasie füllt.

Besonders deutlich wird das Logikproblem gleich zu Beginn, wenn das Dorf angegriffen wird. Die Dorfbewohner versuchen verzweifelt, eine einzelne Kanone mit einer einzigen Kugel abzufeuern – und jedes Mal, wenn jemand die Lunte anzünden will, schießt ein Piraten‑Sniper ihn ab. Das wirkt wie eine Szene aus Assassin’s Creed, in der man jemanden davon abhalten muss, die Glocke zu läuten, nur dass hier niemand darüber nachgedacht hat, ob die Aktion überhaupt Sinn ergibt. Denn selbst wenn die Kanone abgefeuert worden wäre, hätte sie maximal ein kleines Boot mit sechs Leuten versenkt. Warum also rennen die Dorfbewohner immer wieder in den sicheren Tod, um eine Waffe zu bedienen, die strategisch keinerlei Unterschied macht? Dramatisch ist das, logisch nicht – und genau dieses Muster zieht sich durch den gesamten Film. Man könnte fast meinen, die Figuren hätten den Film selbst nicht gesehen.

All diese Schwächen wären verzeihbar gewesen, wenn der Film am Ende den Mut gehabt hätte, wirklich etwas zu sagen oder emotional zu landen. Stattdessen bleibt das Finale tonal verwirrt und erstaunlich zahm. Die Idee, dass Konnor und Ercell sich gegenseitig töten und das Kind mit dem Gold in den Sonnenuntergang segelt, hätte zumindest Konsequenz gehabt – und eine gewisse poetische Ironie. Aber der Film traut sich nicht, diese Linie zu Ende zu gehen, und verliert damit die letzte Chance auf emotionale Wucht. Stattdessen bekommt man ein Ende, das wirkt, als hätte jemand im Schneideraum gesagt: „Ach komm, lass gut sein.“

Am Ende bleibt ein Film, der schöne Bilder, starke Darsteller und ein paar gute Ansätze hat, aber das Mystische, das Seemannsgarn, die Magie, die ein Piratenfilm braucht, komplett vermissen lässt. The Bluff ist weder Disney‑Charme noch erwachsene Härte, sondern etwas dazwischen – und genau dieses Dazwischen wird ihm zum Verhängnis. Man muss ihn nicht gesehen haben. Schade, denn der Titel verspricht mehr, als der Film am Ende halten kann. Oder um im Piratenjargon zu bleiben: Die Schatzkarte führt zu einer hübschen Insel – aber die Truhe ist leider leer.

Bewertung: 2.5 von 5.

Entdecke mehr von Avo Talks

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert