„Send Help“ – Viel verschenktes Potenzial

Eigentlich waren die Erwartungen hoch: Sam Raimi, der Mann hinter Tanz der Teufel, steht für abgedrehten Horror, schwarzen Humor und kompromisslose Eskalation. Der Trailer von „Send Help“, aktuell auf Disney+ im Stream und mit FSK 16 freigegeben, versprach genau das: zynischen Humor, blutige Ausreißer und ein spielfreudiges Katz-und-Maus-Spiel zwischen zwei unfreiwillig Gestrandeten.
Doch leider wird dieses Versprechen nur sehr teilweise eingelöst.
Die Ausgangslage
Im Mittelpunkt steht Linda, eine Buchhalterin, die ihren Job gut macht, aber systematisch von ihrem Chef klein gehalten wird. Nach dem Tod des Firmenchefs hofft sie auf einen Karriereschritt – stattdessen wird sie im Hintergrund bereits aussortiert. Bevor sie davon erfährt, bekommt sie jedoch noch einen letzten Geschäftsflug aufgebrummt. Ein klassischer Setup, der auf Eskalation hinauslaufen muss.
Und ja: Das Flugzeug stürzt ab – kein Spoiler, sondern der Kern der Geschichte. Zwei Menschen überleben und stranden auf einer Insel. Eigentlich eine perfekte Vorlage für psychologischen Horror, schwarzen Humor oder ein gnadenloses Machtspiel.
Zäher Anfang statt Raimi-Eskalation
Was überrascht: Die ersten 30 Minuten sind erschreckend harmlos. Kaum Spannung, kaum Horror, kaum schwarzer Humor. Alles wirkt freundlich, beinahe brav – eher wie ein Film mit FSK 12 als wie ein Werk eines Regisseurs, der bekannt ist für Blut, Wahnsinn und groteske Gewalt.
Wenn Gewalt auftaucht, dann punktuell – und kurz. Genau zwei Szenen stechen im gesamten Film wirklich hervor, was Gore und Raimi-typische Handschrift angeht. Dazwischen: sehr viel Leerlauf.
Charaktere mit Ansage
Die Rollenverteilung ist extrem eindeutig:
- Er: Ein Chef, der selbst nach dem Absturz nicht aus seiner toxischen Rolle herausfindet. Egoistisch, manipulativ, nervig.
- Sie: Anfangs naiv, nett, angepasst – später zunehmend instabil, was durch die Situation zwar erklärbar, aber nicht besonders subtil umgesetzt wird.
Der Film versucht, die Figuren zu vertiefen (Stichwort: Kindheitstraumata, schwierige Eltern), bleibt dabei aber erstaunlich oberflächlich. Vieles wirkt wie bekannte Versatzstücke, ohne echten Mehrwert.
Zu spät, zu wenig
Die größte Schwäche: Das Timing.
Der Film läuft fast zwei Stunden, doch erst in den letzten 30 Minuten zieht er wirklich an. Dort gibt es endlich mehr Brutalität, mehr Wahnsinn, mehr Energie – aber da ist es eigentlich schon zu spät. Man sitzt bereits über eine Stunde vor einer Geschichte, die mehr plätschert als packt.
Das Ende ist konsequent und versöhnt ein kleines bisschen, zumindest in der Frage, wem man das Überleben gönnt. Moralisch sind beide Figuren fragwürdig, aber genau das hätte viel früher und mutiger ausgespielt werden müssen.
Fazit
„Send Help“ ist für mich eine große Enttäuschung.
- Zu zahm für echten Horror
- Zu zäh für einen Thriller
- Zu peinlich für eine überzeugende schwarze Komödie
Vielleicht funktioniert der Film für manche als Nebenbei-Unterhaltung – etwa beim Bügeln, wie man so schön sagt. Ein „riesiger Streaming-Erfolg“ mag statistisch stimmen, qualitativ kann ich das nicht nachvollziehen.
Schade ums Kino, schade ums Potenzial, schade um Sam Raimi.
Für mich: Muss man nicht sehen.
Wer ihn mag, darf natürlich gern widersprechen – aber meine Welt ist dieser Film definitiv nicht.
