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Filme

Mercy – Amazon MGM verkauft einen Blockbuster, liefert aber Streamingkost

Amazon MGM hat für Mercy ordentlich die Werbetrommel gerührt. Chris Pratt auf Promo-Tour, große Bilder, große Worte – man bekommt das Gefühl, hier rollt ein Blockbuster an. Die Frage ist nur: Ist er das auch? Oder am Ende doch nur ein besser produzierter Streamingfilm?

Der Vergleich mit Minority Report – und warum er hinkt

Dem Film wird schnell nachgesagt, er sei „wie Minority Report“. Das stimmt nur oberflächlich. In Spielbergs Film wird man verhaftet, bevor man einen Mord begeht.
In Mercy landet man vor Gericht, sobald die KI sicher ist, dass man den Mord begangen hat. Die Schuldfrage wird umgedreht: Man gilt als schuldig und hat 90 Minuten Zeit, seine Unschuld zu beweisen.

Diese 90 Minuten laufen in Echtzeit – ein cleverer Kniff, der tatsächlich Spannung erzeugt.

Die KI übernimmt dabei die komplette Prozessführung: Sie liefert Daten, stellt Kontakte her, ermöglicht Telefonate, Verhöre, Spurensuche. Theoretisch ein starkes Konzept. Praktisch bleibt vieles davon erstaunlich ungenutzt.

Dramatik gut, Logik weniger

Pacing und Grundspannung funktionieren. Was den Film aber aus der Bahn wirft, sind die Widersprüche, die er sich selbst baut:

  • Chris Pratts Figur liebt seine Familie – oder doch nicht.
  • Die Tochter mag ihn – oder doch nicht.
  • Er ist Alkoholiker und ein Arsch – oder eben nicht.
  • Er hat Erinnerungslücken – bis er plötzlich doch alles weiß.

Das wirkt nicht wie komplexes Charakterwriting, sondern wie ein Drehbuch, das sich nicht entscheiden kann.

Ähnlich die KI:
Mal ist sie feindselig, dann hilft sie, dann ist sie wieder böse, am Ende plötzlich moralisch einwandfrei. Das nimmt dem Film die Konsequenz, die sein Thema eigentlich verlangt.

Das verschenkte Potenzial der KI

Die eigentliche Horrorvision – eine allwissende KI, die in Sekundenbruchteilen über Schuld entscheidet – wird kaum thematisiert.
Keine gesellschaftliche Debatte, kein Aufschrei, keine ethische Auseinandersetzung.

Stattdessen wird am Ende alles glattgebügelt:
Die KI ist gut, das System ist gut, alles ist gut.
Dass sie dafür unsere Daten komplett durchleuchtet und uns ohne Hinterfragen verurteilt, wird verharmlost.

Fazit

Mercy ist ein ambitionierter Film, der an seinen eigenen Widersprüchen scheitert.
Man kann ihn schauen – muss man aber nicht.
Als Nebenbei-Film funktioniert er, als Blockbuster nicht.
Die große Message, die das Thema eigentlich schreit, bleibt leider aus.

Bewertung: 2 von 5.

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