The Furious – Kung-Fu neu gedacht: Wenn Kampfkunst zur Hauptattraktion wird

Manchmal reicht schon ein Blick hinter die Kulissen, um das Interesse an einem Film zu wecken. Bei The Furious war es für mich vor allem die Tatsache, dass Mitglieder des Teams beteiligt waren, die bereits an Produktionen wie John Wick mitgewirkt haben. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen, als ich den Film im Kino gesehen habe.
Wer nun allerdings eine tief ausgearbeitete Geschichte im Stil von John Wick erwartet, sollte seine Erwartungen etwas anpassen. Denn The Furious setzt seine Prioritäten ganz klar auf die Action – und genau dort spielt der Film seine größten Stärken aus.
Die Handlung ist schnell erzählt: Der stumme Handwerker Wang Wei lebt ein zurückgezogenes Leben mit seiner Tochter Rainy. Als diese am helllichten Tag von einem internationalen Menschenhändlerring entführt wird, beginnt für ihn eine gnadenlose Suche durch die kriminelle Unterwelt. Unterstützung erhält er vom investigativen Journalisten Navin, dessen Ehefrau bei ihren Recherchen über dieselbe Organisation verschwunden ist. Gemeinsam ziehen die beiden Männer gegen ein Netzwerk aus Menschenhändlern, korrupten Polizisten und brutalen Vollstreckern in den Kampf.
Doch die Geschichte dient hauptsächlich als Fundament für das, worum es wirklich geht: spektakuläre Kampfkunst.
Kampfchoreografien auf einem neuen Niveau
Viele Actionfilme arbeiten nach dem bekannten Prinzip: Ein Held steht zehn Gegnern gegenüber, die ihn freundlicherweise nacheinander angreifen. Das sieht oftmals spektakulär aus, wirkt aber selten glaubwürdig.
The Furious geht hier einen bemerkenswerten Schritt weiter.
Die Kämpfe sind so choreografiert, dass mehrere Gegner gleichzeitig in eine Aktion eingebunden werden. Während einer von oben angreift, nutzt ein anderer bereits die Bewegung für seinen nächsten Angriff, während ein dritter aus einer völlig anderen Position eingreift. Die Kämpfe fühlen sich dadurch deutlich dynamischer und komplexer an.
Besonders beeindruckend ist dabei die Arbeit von Regisseur und Action-Choreograf Kenji Tanigaki, der bewusst auf lange Kameraeinstellungen setzt. Statt die Action hinter hektischen Schnitten zu verstecken, lässt die Kamera die Darsteller arbeiten. Dadurch werden Timing, Präzision und Körperbeherrschung erst richtig sichtbar.
Dass in den zentralen Kampfszenen weitgehend auf klassische Stuntdoubles verzichtet wurde, verleiht dem Ganzen zusätzlich eine enorme Authentizität.
Wenn unterschiedliche Kampfkünste aufeinanderprallen
Ein weiterer Grund, warum die Action so abwechslungsreich wirkt, ist die Besetzung.
Hauptdarsteller Xie Miao, den viele noch aus Filmen an der Seite von Jet Li kennen, bringt seine Wushu- und Shaolin-Erfahrung ein. Seine Bewegungen wirken blitzschnell, kontrolliert und teilweise fast schon artistisch. Besonders gefällt mir, wie er Alltagsgegenstände in die Kämpfe integriert und damit den klassischen Hongkong-Stil wieder aufleben lässt.
Joe Taslim hingegen verfolgt einen völlig anderen Ansatz. Der ehemalige Judo-Nationalkämpfer setzt auf Würfe, Hebel und kompromisslosen Nahkampf. Seine Szenen fühlen sich wesentlich direkter und härter an.
Mit Yayan Ruhian, vielen bekannt aus The Raid, kommt zusätzlich die indonesische Kampfkunst Pencak Silat ins Spiel. Seine Kämpfe wirken gefährlich, effizient und oftmals überraschend brutal.
Abgerundet wird das Ganze durch Muay-Thai-Einflüsse von JeeJa Yanin, die mit harten Knie- und Ellbogentechniken weitere Facetten in das ohnehin beeindruckende Kampfkunst-Mosaik einbringt.
Wushu, Judo, Silat, Muay Thai und klassisches Hongkong-Stuntkino verschmelzen hier zu einer Action-Mischung, die man so nicht oft zu sehen bekommt.
Bangkok als düstere Kulisse
Die bedrückende Atmosphäre des Films wird zusätzlich durch seine Drehorte unterstützt.
Gedreht wurde überwiegend in Bangkok, dessen enge Gassen, Neonlichter und überfüllte Straßen perfekt zur Geschichte über Menschenhandel, Korruption und organisierte Kriminalität passen. Die namenlose Großstadt des Films wirkt dadurch glaubwürdig, rau und lebendig.
Ein zentraler Schauplatz ist die korrupte Polizeistation, die über mehrere Wochen hinweg in Thailand inszeniert wurde. Ergänzend entstanden aufwendige Kulissen mit Unterstützung der chinesischen Hengdian World Studios, insbesondere für die großen Actionsequenzen und Massenschlägereien.
Überraschend starke junge Darsteller
Neben der Action haben mich vor allem die jungen Schauspieler positiv überrascht.
Gerade Yang Enyou als Rainy fällt durch ihre natürliche Darstellung auf. Bereits in einer frühen Szene vermittelt sie mit kleinen Gesten und Mimik mehr Persönlichkeit als manche erwachsenen Darsteller in deutlich größeren Produktionen. Solche Details verleihen den Figuren Glaubwürdigkeit und sorgen dafür, dass die emotionale Grundlage der Geschichte funktioniert.
Auch die weiteren Kinderdarsteller hinterlassen einen starken Eindruck und tragen dazu bei, dass die Geschichte trotz ihres einfachen Aufbaus emotional funktioniert.
Vom Kung-Fu-Klassiker bis Yakuza – kreative Waffen inklusive
Besonders begeistert hat mich, wie kreativ die Kämpfe inszeniert wurden. Dabei musste ich mehrfach an die berühmten Prügelszenen aus der Yakuza-/Like a Dragon-Spielreihe denken. Dort wird bekanntlich alles zur Waffe, was nicht festgeschraubt ist – vom Verkehrsschild bis zum Fahrrad.
Genau dieses Gefühl kam bei mir auch in einigen Szenen von The Furious auf. Vor allem die spektakuläre Fahrrad-Kampfszene erinnerte mich stark an die verrückten und gleichzeitig überraschend effektiven Kämpfe der Yakuza-Spiele. Das Fahrrad ist dabei nicht einfach nur ein Gegenstand im Hintergrund, sondern wird vollständig in die Choreografie integriert. Solche Momente lockern die ansonsten sehr ernste Handlung auf und zeigen gleichzeitig, wie viel Kreativität hinter den Kampfszenen steckt.
Gerade Fans von Jackie Chan, klassischen Hongkong-Filmen oder eben der Yakuza-Reihe dürften an solchen Einfällen ihre helle Freude haben.
Eine kleine Kuriosität: Wong Way
Bei den Namen des Films musste ich schmunzeln, weil mich der Name Wang Wei sofort an den Begriff „Wong Way“ erinnerte. Zwar besteht kein direkter Zusammenhang mit dem Film, dennoch ist „Wong Way“ ein bekannter Wortwitz.
Der Name spielt auf den englischen Begriff „Wrong Way“ an und wird häufig als humorvolle Bezeichnung für Einbahnstraßen verwendet. Vielen dürfte der Begriff vor allem aus der Videospielreihe Grand Theft Auto bekannt sein, wo es in Chinatown tatsächlich eine Straße mit dem Namen Wong Way gibt.
Mit dem Film hat das zwar nichts zu tun, als Gaming-Fan musste ich bei Wang Wei allerdings sofort an diese kleine Popkultur-Kuriosität denken.
Fazit
The Furious ist kein Film, der durch eine besonders tiefgründige Handlung oder komplexe Charakterentwicklungen glänzt. Wer nach einer ausgearbeiteten Mythologie wie bei John Wick sucht, wird hier vermutlich nicht vollständig glücklich.
Wer jedoch spektakuläre Kampfkunst, hervorragend choreografierte Action und die geballte Erfahrung einiger der besten Martial-Arts-Darsteller Asiens erleben möchte, bekommt hier genau das geliefert.
Selten habe ich einen Film gesehen, der mehrere Kampfstile so elegant kombiniert und gleichzeitig den Mut hat, seine Action in langen Einstellungen sichtbar zu machen. Hier steht die Kampfkunst im Mittelpunkt – und genau deshalb funktioniert der Film so gut.
Ein Pflichtfilm für Fans von Martial-Arts-Kino, die sehen möchten, wie modernes Actionkino aussieht, wenn echte Könner vor und hinter der Kamera stehen.
