Sherlock vor dem Mythos: Roh, emotional, überraschend anders
Young Sherlock zeigt einen Sherlock Holmes, der noch lange nicht der legendäre Meisterdetektiv ist, den man kennt – und genau das macht die Serie so spannend. Sherlock ist hier ungestüm, emotional und oft komplett unkontrolliert. Seine Fähigkeiten sind noch nicht ausgereift, und seine Vergangenheit bremst ihn ständig aus. Dadurch entsteht keine typische Sherlock‑Holmes‑Geschichte, sondern eine frische und mutige Interpretation, die gerade durch diese Unvollkommenheit ihren Reiz hat.
Die Serie beginnt 1871 an der Universität Oxford. Sherlock arbeitet dort als Hausdiener, ein Job, den ihm sein Bruder Mycroft besorgt hat. Doch als ein Mord geschieht, gerät er selbst unter Verdacht und wird verhaftet. Auf der Suche nach der Wahrheit stolpert er direkt in eine große Verschwörung, die weit über die Universität hinausgeht und bis in höchste politische Ebenen reicht.
Auf seinem Weg trifft er James Moriarty. Anfangs wirkt es fast wie eine Freundschaft, aber schnell wird klar: Das ist nur Fassade. Moriarty zeigt von Anfang an die dunkle Seite, die später seinen Ruf prägt – besessen vom Tod, rastlos, manipulierend. Zusammen mit der chinesischen Prinzessin Gulun Shou’an jagt Sherlock gestohlenen Schriftrollen hinterher und deckt dabei Schicht um Schicht ein Geflecht aus Intrigen auf. Das verleiht ihrer Beziehung schon früh eine Intensität, die erklärt, warum sie später erbitterte Gegner sind.
Parallel dazu bekommt das Familiendrama viel Raum. Die Konflikte mit Mycroft, die Schatten der Eltern – all das macht Sherlock greifbarer und zeigt, warum er später so wird, wie wir ihn kennen. Die Serie traut sich, emotional zu werden, ohne kitschig zu wirken.
Filmtechnik & Stil
Was die Serie zusätzlich besonders macht, ist die Art, wie sie aussieht und erzählt wird. Guy Ritchie setzt nicht auf modernes CGI, sondern versucht, Sherlocks Verstand „analog“ zu zeigen. Sein Mind-Palace wird mit einfachen Tricks sichtbar: Perspektivwechsel, schnelle Kameraschwenks, sogar handgezeichnete Pencil‑Animationen. Das alles wirkt wunderbar altmodisch und passt perfekt in die Zeit von 1871.
Es gibt keine festen Regeln – jede Folge überrascht mit neuen visuellen Ideen. Mal reicht ein Fingerschnippen, mal wirkt es wie ein kleiner Bühnenwechsel.
Eine weitere Stärke ist die fast durchgehende „kontinuierliche Kamera“. Der Vorspann und viele Schlüsselszenen wirken wie eine einzige lange Kamerafahrt, die von winzigen Details plötzlich in riesige Räume springt. Das erzeugt einen sehr dynamischen, fast traumartigen Sog.
Natürlich bekommt man auch typischen Guy‑Ritchie‑Stil: schnelle Schnitte, Action, Humor und diese besondere Mischung aus Tempo und Coolness. Kampfszenen werden oft doppelt gezeigt: einmal in extremer Zeitlupe in Sherlocks Kopf, danach in brutaler Echtzeit. So wird sichtbar, wie sein Verstand und seine körperliche Kraft gleichzeitig arbeiten.
Gedreht wurde mit der Sony CineAlta Venice 2 in 8.6K, was dem Bild eine unfassbare Schärfe verleiht, aber trotzdem filmisch wirkt. Das 2.39:1‑Breitbildformat und die detailreichen Sets – viele davon originalgetreu nachgebaut – geben der Serie den Look eines Kinofilms.
Fazit
Young Sherlock ist ein echter Geheimtipp und für mich ein Must‑See. Die Kombination aus einer frischen Sherlock‑Interpretation, spannenden Charakterdynamiken, starkem Familiendrama und einer überraschend kreativen Filmtechnik ergibt etwas komplett Neues. Ein Blick in Sherlocks Leben, den man so noch nie gesehen hat – und definitiv nicht verpassen sollte.


