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Will Trent Staffel 4: Zwischen Totalausfall und einem Finale, das alles rettet

Manchmal gibt es Serien, bei denen man sich während einer Staffel mehrfach fragt, warum man eigentlich noch weiterschaut. Genau so ging es mir bei der vierten Staffel von Will Trent auf Disney+.

Ich war tatsächlich mehr als einmal kurz davor, die Serie einfach abzubrechen. Dabei startet Staffel 4 gar nicht schlecht. Die persönliche Entwicklung von Will wird weitergeführt, seine schwierige Vergangenheit bleibt präsent und durch die Schwangerschaft einer der Ermittlerinnen kommt noch eine neue Dynamik ins Team. Auch die Rückkehr seines Vaters beziehungsweise die Art, wie der verstorbene Serienmörder James Ulster immer wieder wie ein Geist in Wills Kopf auftaucht und ihn berät oder provoziert, fand ich zunächst ziemlich spannend.

Doch nach den ersten Folgen verliert die Staffel für mich zunehmend ihren Fokus.

Natürlich gibt es wieder zahlreiche Mordfälle, doch viele davon wirken konstruiert und teilweise regelrecht an den Haaren herbeigezogen. Motivationen erscheinen oft so absurd, dass man sich fragt, warum deshalb überhaupt jemand einen Mord begehen würde. Die Auflösungen sind häufig vorhersehbar, die Herleitungen wenig überzeugend und insgesamt fehlt vielen Fällen die Glaubwürdigkeit, die die Serie in früheren Staffeln ausgezeichnet hat.

So plätschert die Staffel über weite Strecken vor sich hin. Nicht komplett schlecht, aber eben auch nicht wirklich spannend. Immer wieder werden kleinere Handlungsfäden geöffnet, doch nichts davon entwickelt die Wucht, die man sich von einer Serie wie Will Trent eigentlich wünschen würde.

Und dann kommen die letzten beiden Folgen.

Plötzlich erinnert sich die Serie daran, was sie eigentlich sein könnte.

Endlich die Geschichte, die erzählt werden musste

Im Finale schlägt die Handlung eine völlig andere Richtung ein und erreicht ein Niveau, das ich mir eigentlich für die gesamte Staffel gewünscht hätte.

Das GBI stößt auf einen weitreichenden Menschenhändler- und Sex-Trafficking-Ring, in den zahlreiche einflussreiche Persönlichkeiten aus Detroit verwickelt sind. Dabei geht es nicht nur um Entführungen von Kindern und Jugendlichen, sondern auch um systematischen Missbrauch und die Vertuschung schwerster Verbrechen durch mächtige Personen.

Genau hier beginnt die Staffel plötzlich Sinn zu ergeben.

Denn Will und Angie tragen ihre eigene Vergangenheit seit Jahren mit sich herum. Beide sind als Pflegekinder aufgewachsen, beide wurden traumatisiert und beide kämpfen bis heute mit den Folgen ihrer Kindheit. Ein Fall rund um Missbrauch, Machtstrukturen und Ausbeutung knüpft direkt an die Themen an, die diese Figuren seit Beginn der Serie geprägt haben.

Warum man diesen Handlungsstrang erst in den letzten beiden Episoden öffnet, bleibt für mich ein Rätsel.

Hätte sich die gesamte Staffel auf diese Geschichte konzentriert, wäre Staffel 4 vermutlich eine der stärksten Staffeln der Serie geworden.

Die Figuren im Mittelpunkt

Will Trent

Will gerät in dieser Staffel mehrfach an seine psychischen Grenzen. Der Ausbruch des Serienmörders James Ulster zwingt ihn erneut, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Besonders interessant ist dabei die Frage, wie viel Dunkelheit tatsächlich in ihm steckt und ob er irgendwann dieselben Grenzen überschreiten könnte wie jene Menschen, die er jagt.

Gerade gegen Ende zeigt sich aber auch Wills menschliche Seite. Trotz all der Gewalt und des Chaos entscheidet er sich am Ende für Verantwortung und Fürsorge.

Angie Polaski

Für Angie wird Staffel 4 zu einer emotionalen Achterbahnfahrt. Nach vielen Rückschlägen scheint sie endlich ihr persönliches Glück gefunden zu haben. Mit Seth wagt sie einen Neuanfang und öffnet sich so sehr wie lange nicht mehr.

Umso härter trifft das Finale.

Faith Mitchell

Faith bleibt einer der konstantesten und stärksten Charaktere der Serie. Während sich um sie herum alles verändert, hält sie das Team zusammen und beweist erneut ihre Stärke als Ermittlerin.

Das Finale und der große Schock – Spoiler

pätestens im Finale zieht die Serie dann das Tempo massiv an.

Die Ermittlungen gegen den Menschenhändlerring eskalieren, die Gefahr rückt näher und schließlich folgt der Moment, der die gesamte Staffel überschattet:

Seth wird getötet.

Für Angie bricht dadurch ihre gerade erst aufgebaute Zukunft komplett zusammen. Nachdem sie endlich geglaubt hatte, ein stabiles und glückliches Leben führen zu können, verliert sie den wichtigsten Menschen an ihrer Seite.

Gleichzeitig endet die Staffel mit einem überraschenden Wendepunkt für Will. Er übernimmt die Fürsorge für das neugeborene Baby Edith und entscheidet sich damit bewusst für Hoffnung und Verantwortung statt für die Dunkelheit, die ihn die gesamte Staffel verfolgt hat.

Diese Entwicklungen schaffen eine interessante Ausgangslage für Staffel 5.

Mein Fazit

Muss man Staffel 4 von Will Trent gesehen haben?

Ehrlich gesagt: Nein.

Zumindest nicht komplett.

Wer die Serie verfolgt, kann sich die meisten Episoden sparen und direkt die letzten beiden Folgen anschauen. Dort passiert letztlich alles, was für die Zukunft der Serie wirklich relevant ist. Man versteht die wichtigsten Entwicklungen, kennt die Ausgangslage für Staffel 5 und bekommt gleichzeitig die mit Abstand stärksten Episoden der gesamten Staffel.

Das Problem ist, dass sich die Staffel viel zu lange mit durchschnittlichen Fällen und wenig überzeugenden Mordmotiven aufhält, bevor sie endlich die wirklich interessante Geschichte erzählt.

Und genau deshalb hinterlässt Staffel 4 bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Der Anfang ist ordentlich, der Mittelteil teilweise erstaunlich schwach und das Finale plötzlich richtig stark.

Am Ende bleibt bei mir vor allem die Hoffnung, dass Staffel 5 genau dort weitermacht, wo die letzten beiden Folgen aufgehört haben. Denn dieser düstere Fall rund um Machtmissbrauch, Menschenhandel und die Vergangenheit der Hauptfiguren hat deutlich mehr Potenzial als alles, was die Staffel davor gezeigt hat.

Wertung

Die Staffel insgesamt kratzt zeitweise am Totalausfall, die letzten beiden Folgen bewegen sich dagegen eher im Bereich von 8 bis 9 Punkten. Heraus kommt am Ende ein gemischter Eindruck, der gerade noch über Durchschnitt landet.

Bewertung: 3 von 5.

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