Clayface (2026) – Die vielleicht beste Origin-Story eines Batman-Gegners seit Jahren

Das DCU startet erneut durch. Wer bei dieser Aussage inzwischen die Augen verdreht, dem kann ich es kaum verdenken. Schließlich wurde das DC-Universum in Comics, Serien und Filmen schon unzählige Male neu interpretiert. Doch genau deshalb habe ich mit den Veränderungen in Clayface überhaupt kein Problem. Der Film versteht die Figur, ihren Kern und ihre Tragik. Er erzählt die Geschichte nicht einfach nach, sondern interpretiert sie neu. Und genau das macht er hervorragend.
Bereits nach wenigen Minuten wird klar, dass hier kein gewöhnlicher Superheldenfilm entstehen will. Stattdessen bekommen wir eine düstere Charakterstudie, die irgendwo zwischen Tragödie, Psychodrama und Body Horror angesiedelt ist. Genau dieser Begriff beschreibt am besten, was der Film sein möchte: Horror, der aus der Entfremdung vom eigenen Körper entsteht. Filme wie Die Fliege von David Cronenberg haben dieses Genre geprägt. Clayface reiht sich überraschend selbstbewusst in diese Tradition ein.
Ein Schauspieler als perfekter Gestaltwandler
Eine der besten Entscheidungen des Films besteht darin, Matt Hagen als Schauspieler in den Mittelpunkt zu stellen. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein klassisches Comic-Element. Tatsächlich macht es seine Fähigkeiten aber erst wirklich glaubwürdig.
Schauspieler leben davon, andere Menschen zu beobachten, zu analysieren und zu imitieren. Wer jemanden nur oberflächlich kennt, würde bei einer perfekten Verkleidung zwangsläufig Fehler machen. Matt Hagen hingegen studiert Menschen beruflich. Dadurch wird er zur idealen Vorlage für einen Gestaltwandler.
Besonders stark umgesetzt wird dies durch eine wiederkehrende Geste: Immer wenn Hagen in eine neue Identität schlüpft, zieht er mit der Hand über sein Gesicht, als würde er eine Maske aufsetzen. Ein kleiner Moment, der visuell verdeutlicht, was der Film eigentlich erzählen möchte: Matt Hagen weiß selbst nicht mehr, wer er wirklich ist.
Passend dazu fragt ihn bereits zu Beginn ein Interviewpartner nach seiner wahren Identität. Seine Antwort, dass er sich selbst noch finden müsse, wirkt zunächst wie ein beiläufiger Dialog. Rückblickend entpuppt sich dieser Moment aber als zentrale Aussage des gesamten Films.
Mehr als ein Monsterfilm
Was mir besonders gefallen hat: Clayface macht aus seiner Hauptfigur keinen eindimensionalen Killer.
Die Comicfigur wurde in vielen Medien oft als klassischer Batman-Gegner inszeniert. Hier steckt jedoch deutlich mehr dahinter. Hagen mordet nicht aus Spaß oder Boshaftigkeit. Vielmehr bricht eine Mischung aus Trauma, Verzweiflung und zunehmend unkontrollierbaren Instinkten hervor. Die Experimente mit dem Renuvium beziehungsweise den Naniten verändern ihn körperlich und psychisch.
Dadurch bleibt Clayface bis zuletzt eine tragische Figur. Der Film interessiert sich wesentlich stärker für den Menschen hinter dem Monster als für spektakuläre Schurkenmomente.
Keine Liebesgeschichte als Mittelpunkt
Ein weiterer Pluspunkt ist die Entscheidung, die Handlung nicht um eine klassische Romanze aufzubauen.
Zwar gibt es eine Frau, zu der möglicherweise Gefühle entstehen könnten, doch diese Beziehung steht nie im Mittelpunkt. Stattdessen beschäftigt sich der Film mit Hagens Vergangenheit, seinen Fehlern und seiner Suche nach einer Identität. Das macht die Geschichte deutlich interessanter als die oftmals sehr vorhersehbaren Liebesplots vieler Comicverfilmungen.
Fantastisches Pacing und starke Atmosphäre
Der Film findet genau das richtige Tempo. Er nimmt sich Zeit für seine Figur, verliert aber nie den Fokus. Gleichzeitig liefert er ausreichend Verbindungen zum größeren DCU, ohne wie ein überlanger Trailer für zukünftige Filme zu wirken.
Die Gotham-Atmosphäre ist durchgehend präsent. Man spürt jederzeit, dass diese Geschichte nur in Gotham City spielen kann. Trotzdem funktioniert sie komplett eigenständig und benötigt keinen Batman, um interessant zu sein.
Kafka, Identität und die Angst vor der Verwandlung
Der vielleicht spannendste Aspekt des Films sind seine literarischen Einflüsse.
Schon während der Sichtung fiel uns eine Szene auf, in der eine Kakerlake über Hagens Körper krabbelt, während seine Transformation immer weiter voranschreitet. Spätestens hier wird offensichtlich, worauf der Film anspielt: Franz Kafkas Die Verwandlung.
In Kafkas berühmter Erzählung verwandelt sich Gregor Samsa über Nacht in ein ungeheures Ungeziefer. Doch die eigentliche Geschichte handelt nicht von einem Monster, sondern von Entfremdung, Isolation und Identitätsverlust.
Genau dieselben Themen verarbeitet Clayface.
Matt Hagen erlebt mit, wie sein Körper nicht mehr auf ihn hört. Seine Gestalt wird formbar, unkontrollierbar und fremd. Er verliert seinen Beruf, seine sozialen Kontakte und letztlich sein Menschsein. So wie Gregor Samsa zunehmend von seiner Familie ausgeschlossen wird, wird auch Hagen von der Gesellschaft abgestoßen.
Die Kakerlake ist deshalb weit mehr als ein visuelles Easter Egg. Sie dient als Symbol für den vollständigen Verlust der eigenen Identität.
Fazit
Clayface gehört für mich zu den größten Überraschungen des Jahres.
Der Film versteht seine Figur, respektiert ihre Comic-Wurzeln und erzählt trotzdem eine moderne, eigenständige Geschichte. Die Mischung aus Tragödie, Charakterdrama und Body Horror funktioniert hervorragend. Dazu kommen ein großartiger Hauptdarsteller, viele kluge Referenzen und eine überraschend tiefgründige Auseinandersetzung mit Identität, Schauspielerei und Selbstwahrnehmung.
Vor allem aber beweist der Film, dass man keinen weltbedrohenden CGI-Endkampf braucht, um einen überzeugenden Batman-Gegner einzuführen.
Wer sich für Horror, tragische Figuren oder das DC-Universum interessiert, sollte sich Clayface unbedingt ansehen. Für mich eine der stärksten DC-Veröffentlichungen der letzten Jahre.
Easter Eggs, Referenzen und DC-Lore
Comic- & Clayface-Lore
- Matt Hagen steht im Mittelpunkt der Handlung, während der Name Basil Karlo, die ursprüngliche Clayface-Version aus den Comics von 1940, mehrfach versteckt auftaucht.
- Das Experiment rund um Renuvium erinnert direkt an Batman: The Animated Series, in der Hagen ebenfalls ein entstellter Schauspieler ist.
- Mehrere Filmplakate in Hagens Wohnung verweisen auf die klassischen Universal-Horrorfilme mit Boris Karloff, insbesondere Frankenstein und Die Mumie.
Gotham- und DCU-Anspielungen
- Das Abzeichen von Detective John Borrelli verweist auf die berühmte Comicreihe Gotham Central.
- Die von Gangstern genutzten Nachtclubs erinnern optisch stark an die legendäre Iceberg Lounge des Pinguins.
- Auf Laborgeräten und Versuchsanlagen taucht mehrfach das Logo von GothCorp auf, einer wichtigen Firma aus der Batman-Lore, die auch mit Mr. Freeze verbunden ist.
Literarische und filmische Vorbilder
- Eine sichtbar abgenutzte Ausgabe von Franz Kafkas Die Verwandlung liegt in Hagens Wohnung.
- Mehrere Verwandlungsszenen zitieren David Cronenbergs Die Fliege nahezu Bild für Bild.
- Ein deformiertes Spiegelbild erinnert an Horrorwerke von Mike Flanagan wie Oculus oder The Haunting of Hill House.
Cameos und Hintergrunddetails
- Im Radio läuft kurz eine Theaterankündigung mit einer markanten tiefen Stimme, die als Hommage an frühere Clayface- und Batman-Sprecher verstanden werden kann.
Spoilerbereich: Das Ende erklärt
⚠️ Achtung: Ab hier folgen massive Spoiler zum Finale des Films.
Im letzten Akt erreicht die Tragödie ihren Höhepunkt im Gotham Grand Theatre.
Matt Hagen versucht ein letztes Mal, seine Karriere und seine Identität zu retten. Mit seinen Fähigkeiten schleicht er sich unerkannt auf die Bühne und übernimmt die Rolle eines anderen Menschen.
Doch während der Aufführung versagt sein Körper endgültig. Unter den Scheinwerfern beginnt seine menschliche Gestalt vor den Augen des Publikums zu zerfließen.
Statt zu fliehen hält Hagen einen verzweifelten Monolog über Identität, Verlust und die Frage, wer er eigentlich ist. Es ist der emotionale Höhepunkt des gesamten Films.
Als die Polizei das Theater stürmt, kämpft Hagen nicht mehr gegen die Welt. Er erkennt vielmehr, dass es keinen Weg zurück gibt. Am Ende zerfließt sein Körper vollständig und verschwindet durch das Kanalisationssystem von Gotham.
Was bedeutet das Ende?
Die Schlussszene greift erneut die kafkaesken Themen auf. Wie Gregor Samsa verliert Matt Hagen endgültig seinen Platz innerhalb der menschlichen Gesellschaft.
Gleichzeitig wird hier aber erst die eigentliche Comicfigur geboren.
Matt Hagen stirbt symbolisch.
Clayface entsteht.
Er besitzt keine feste Form, keine feste Identität und keinen Platz mehr in der Welt der Menschen. Aus dem Schauspieler wird eine urbane Legende in den Schatten Gothams.
Noch deutlicher macht dies die Post-Credit-Szene: Tief unter Gotham beginnt sich die scheinbar zerstörte Lehmmasse erneut zusammenzuziehen. Langsam formt sich die Silhouette eines Gesichts.
Matt Hagen mag verschwunden sein.
Clayface lebt weiter.
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